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Luther - zum Nachdenken

Sprich: das ist das Reich der Welt. Du kannst nicht erwarten, die Welt dahin zu bringen, daß sie anders werde als zu Christi Lebzeiten. Willst du ...

WA 28, 329

Publikationen

Luther – die Bibel – und die Ökumene

Herbsttagung der Luther-Akademie Sondershausen-Ratzeburg
7-10. Oktober 2009

Bericht von Rudolf Keller

„Luther als Schriftausleger. Luthers Schriftprinzip in seiner Bedeutung für die Ökumene“ so lautete das Thema, zu dem sich Mitglieder und Freunde der Luther-Akademie am Tagungsort Ratzeburg zusammengefunden hatten.

Sechs Fachvorträge haben das Thema aus sehr verschiedener Perspektive ausgeleuchtet. Die Diskussionen im Plenum boten reichlich Gelegenheit, die gehörten Referate zu würdigen, zu vertiefen und deren Ergebnisse auch prüfend zu hinterfragen.

Der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Martin Ohst (Bergische Universität Wuppertal) widmete sich der Verortung und dem Verstehen von „Luthers Schriftprinzip“. Er untersuchte dazu Luthers Herausforderung im Ablaßstreit und frühe Aussagen des Reformators, in denen er seinen theologischen Grundsatz „sola scriptura – die Schrift allein“ entwickelt hat.

Der Reformator akzeptierte Ergebnisse in der Entfaltung von theologischer Lehre nur, wenn sie aus der Bibel begründet worden waren. Der Vortrag entfaltete diese bekannteste im Streit mit der römischen Kurie entwickelte Seite von Luthers Wirken. Die reformatorische Stoßkraft wurde neu aus den frühen Quellen (bis 1520) vor Augen geführt. So konnte eine eindrucksvolle Gesprächsgrundlage entwickelt werden.

Der Systematiker Prof. Dr. Johannes von Lüpke (Kirchliche Hochschule Wuppertal) erörterte das Thema „Erleuchtung durch das Wort Gottes. Aufklärung durch die Vernunft. Zur Krise des protestantischen Schriftprinzips“. Sprache und Wirklichkeit wurden hier ebenso überprüft wie der Versuch einer Diagnose der „Krise des Schriftprinzips“ in der Aufklärungsepoche, aus der dann die Lösungswege aufzuzeigen waren.

Die historische Bedeutung von Gotthold Ephraim Lessing und Johann Georg Hamann kam in dieser systematisch ausgerichteten Vorlesung zur Sprache. Sachlich wurde die Präsenz des Geistes im schwachen Wort der Schrift reflektiert. Die biblische Hermeneutik braucht ein durchdachtes Verstehen der Wirkung des Heiligen Geistes, wenn sie die zentrale Bedeutung der Bibel umsetzen will.

Bischof i. R. Dr. Walter Klaiber (Tübingen, evangelisch-methodistische Kirche) führte mit seinem Referat über die Konfessions- und Landesgrenzen hinaus: „Luthers Schriftprinzip in seiner Bedeutung für die anglikanische und methodistische Theologie und Kirche“. Hier wurden ebenso wie bei von Lüpke historische und ökumenische Wirkungen Luthers erkennbar, die allerdings oft in der deutschen Theologie wenig bekannt sind oder vernachlässigt werden.

Es kommt zu einer Radikalisierung des „sola scriptura“ in Anknüpfung an und Weiterführung von Zentralgedanken Luthers, die vor allem im englischen Sprachraum und mit Wirkung auf den Methodismus zu beobachten ist.

Einen weiteren Blick auf den „Luther – von außen gesehen“ stellte Dr. Johannes Schwanke (Universität Tübingen) ins Zentrum seines Vortrags über die Luther-Kritik des englischen Theologen und nach seiner Konversion zum Kurien-Kardinals aufgestiegenen John Henry Newman im 19. Jahrhundert.

Information und Herausforderung im Verbund wurden durch diesen Vortrag anschaulich vor Augen geführt. Das Prinzip „sola scriptura“ ist deutlich kritisiert und in Frage gestellt, ja aus Newmans Sicht für häretisch gehalten worden.

Der katholische Dogmatiker Prof. Dr. Bernd Jochen Hilberath (Universität Tübingen) sprach über „Luthers Schriftprinzip als bleibende Herausforderung für die römisch-katholische Theologie und Kirche“. Er zeigte interessante Aspekte zum Prozess der Schriftauslegung nach katholischer Lehre und deren Bedeutung für Lehrentscheidungen der gegenwärtigen römisch-katholischen Kirche.

Mit Prof. Dr. Theo Dieter (Zentrum für ökumenische Forschung des Lutherischen Weltbundes in Straßburg) kam ein Spezialist für die Ökumene zu Wort: „Luthers Schriftprinzip in seiner Bedeutung für die Ökumene“. Er betonte die Notwendigkeit, im ökumenischen Gespräch sehr genau zu verstehen, was der Gesprächspartner aus der anderen Konfession wirklich meint.

Dazu beschrieb er Stationen des Dialogs zwischen der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche und zielte auf die Frage, wie gewonnene Einsichten dann konkret und lebenspraktisch umgesetzt werden. Dabei zeigte sich, wie Luthers Verständnis in dieser Herausforderung am besten zur Sprache zu bringen ist.

Alle Vorträge wurden ausgiebig und aufmerksam diskutiert. Die Anwesenheit von ausgewiesenen Kennern des Umfelds unter den Teilnehmern sehr verschiedenen Alters und der lebendige Austausch unter den Referenten erwiesen sich in den Gesprächen als sehr anregend. Manche Präzisierungen konnten so vorgenommen und Anregungen zur Weiterarbeit gegeben werden.

Daß der erste Referent krankheitshalber plötzlich sein Kommen hatte absagen müssen und nur seinen Vortrag schriftlich zur Verlesung durch den Präsidenten einbringen konnte, war bedauerlich, hat aber den Gesprächsgang nicht gehindert. Nicht jede der vorgetragenen Thesen bekam Beifall, aber alle Referate wurden dankbar als Anregung zu weiterer Arbeit, zu methodischer Überprüfung und vertiefter Klärung aufgenommen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten mit neuer Motivation wieder den Heimweg an ihre ganz verschiedenen Arbeitsplätze antreten. Gemäß der erklärten Zielsetzung der Akademie wird auf die internationale Begegnung großer Wert gelegt. Sie erwies sich auch in diesem Jahr als anregend für ein intensives Fachgespräch und guten persönlichen Gedankenaustausch.

Der Campus auf der Domhalbinsel in Ratzeburg bietet immer neu das Ambiente, in dem sich theologische Arbeit und die gemeinsamen Gottesdienste im ehrwürdigen Dom – liturgisches Morgen- und Abendgebet und ein Abendmahlsgottesdienst, in dem der Präsident der Akademie, Bischof i. R. Dr. Hans Christian Knuth (Eckernförde), die Predigt hielt – zu einer eindrücklichen Einheit verbinden können. Dies wurde von den Teilnehmern dankbar erlebt und ausgesprochen.


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