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Luther - zum Nachdenken

Denn es ist kein Menschenwerk, Gott mit Freuden loben. Es ist mehr ein fröhlich Leiden und allein ein Gotteswerk, daß sich mit Worten nicht lehren ...

WA 7, 550

Förderpreis Lutherforschung 2018

Preisverleihung der Luther-Forscherpreise Jury und Preisträger freuen sich. v.l.n.r. Prof. Oswald Bayer, Prof. Bo Holm (dahinter), Bischof Frank Otfried July, die drei Preisträger: Lorenz Opitz, Helge Preising, Maximilian Rosin, dahinter Pfarrer Winfried Krause
Foto: Hannegreth Grundmann

Preisverleihung des Förderpreises für Lutherforschung
der Luther-Akademie am 27. September 2018 in Ratzeburg


Laudatio für die Preisträger
von Prof. Dr. Johannes von Lüpke

Studentinnen und Studenten der Theologie sollten »im Bilden einer eignen Überzeugung begriffen« sein. Diese programmatische Bestimmung, die wir Friedrich Schleiermacher verdanken, gilt für alle, die sich mit den Fragen und Antworten der Theologie befassen – unabhängig von Alter und Semesterzahl. Auch Kinder sind bekanntlich schon Theologen. Um sich in der Theologie bilden zu können, braucht man freilich starke Lehrerpersönlichkeiten, Autoritäten, also Menschen, die etwas zu sagen haben und von denen man sich etwas sagen lässt, nicht um das Gesagte dann einfach nachzusprechen, sondern um es selbst, aus eigener Überzeugung, weiterzusagen und zu verantworten.
Mit dem Förderpreis für Lutherforschung, den die Luther-Akademie Sondershausen-Ratzeburg vergibt, sollen solche Bildungsprozesse angeregt, gefördert und gewürdigt werden. Arbeiten, die dem Studium der Theologie entstammen, sind preiswürdig, wenn sie erkennen lassen, dass ihre Verfasserinnen oder Verfasser in die Schule reformatorischer Theologie gegangen sind, dass sie von und mit Luther, aber auch von und mit anderen Reformatoren gelernt haben. Sie sollten gleichsam zu Füßen der großen Lehrer der Theologie Platz genommen, ihnen geduldig und aufmerksam zugehört, ihre Schriften gelesen und verstanden haben, bevor sie selbst ihre Erkenntnisse in eigenen Worten zur Sprache bringen. So im »Hörsaal« und »Lesesaal« reformatorischer Theologie zu studieren, heißt dann gewiss auch, in die Schule biblischer Theologie verwiesen zu werden, also dorthin, wo wir, so hat es Luther einmal formuliert, »den Aposteln und Propheten zu Füßen sitzen.« Preiswürdig sind Arbeiten, die sich der Aufgabe des Verstehens gestellt haben, um dann auch reformatorische Theologie in die Gegenwart zu übersetzen. Luther im Kontext seiner Zeit zu lesen und zu verstehen, ist eines; in den Diskursen und Auseinandersetzungen unserer Zeit von Luther her Klärendes zu sagen, etwas anderes. Beides ist wichtig. Wir erwarten nicht, dass sich die Preisträger mit Luther und seiner Theologie identifizieren – das wäre ja auch allzu hochmütig –, wir hoffen aber, dass sie mit Luther sowie auch mit anderen Lehrern reformatorischer Theologie im Gespräch bleiben.
Eben das können wir von allen drei Arbeiten sagen, denen wir den Förderpreis des Jahres 2018 zuerkannt haben. Es sind Arbeiten auf dem Wege zu einem vertieften Studium von Schriften Luthers und zur Verantwortung seiner Theologie angesichts der Herausforderungen der Gegenwart.
Maximilian Rosin, dem der dritte Preis zuerkannt wurde, ist 25 Jahre alt. Er hat nach einem freiwilligen sozialen Jahr in Ungarn, in dem er auch die ungarische Sprache gelernt hat, das Studium der evangelischen Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena aufgenommen, in Heidelberg fortgesetzt und ist nun dabei, wieder nach Jena zurückgekehrt, sein Studium abzuschließen. Seine Seminararbeit, die im Zusammenhang eines von Frau Prof. Dr. Rose geleiteten systematisch-theologischen Hauptseminars geschrieben worden ist, trägt den Titel: ›Vom Evangelium beglaubigte Gemeinde Jesu Christi. Vergleichende Untersuchungen zwischen Luthers Gemeindeschrift und der Barmer Theologischen Erklärung.‹ Gegenstand der Untersuchung ist Luthers Schrift ›Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen‹ (1523). Von hier aus wird über den Abstand von über 400 Jahren die Brücke geschlagen hin zur ›Barmer Theologischen Erklärung‹ von 1934. Es gelingt dem Verfasser, bei aller Verschiedenheit der geschichtlichen Umstände fundamentale Gemeinsamkeiten aufzuweisen. Der entschiedenen Absage, die Luther bloßen »Menschenlehren« erteilt, entspricht es, wenn die ›Barmer Theologische Erklärung‹ die Kirche auf das »eine Wort Gottes« verweist, gegen die Bindung an »andere Ereignisse, Mächte, Gestalten und Wahrheiten« als Gottes Offenbarung und Quelle der Verkündigung. Gemeinsam ist beiden Texten sodann auch, dass die ganze Gemeinde in die Pflicht genommen wird, den Auftrag der Verkündigung wahrzunehmen bzw. zu verantworten.
Lorenz Opitz (27 Jahre), der Empfänger des zweiten Preises, hat nach Zivildienst und einem Semester Geographie das Studium der evangelischen Theologie gleichfalls an der Friedrich-Schiller- Universität Jena aufgenommen. Im Rahmen des Erasmus-Programms hat er ein Auslandssemester in Krakau verbracht, um daran anschließend nach Münster zu wechseln, wo er sich jetzt auf das Examen vorbereitet. Seine Arbeit ist im Anschluss an ein kirchengeschichtliches Seminar von Prof. Spehr in Jena entstanden und verbindet historische mit systematisch-theologischen Interessen. Es geht um ›Christliche Freiheit gemäß der Freiheitsschrift Martin Luthers‹. Interpretiert wird mithin Luthers Traktat ›Von der Freiheit eines Christenmenschen‹ von 1520, eine der Hauptschriften Luthers, die jeder Theologiestudent und jede Theologiestudentin gründlich lesen und immer wieder lesen sollte. Herr Opitz widmet sich dieser Aufgabe in drei Schritten: In einer formalen Analyse hebt er hervor, dass Luther seine Gedanken vielfach in antithetischer Form entwickelt, dabei aber auch seine Leser anredet, mithin dialogisch vorgeht. Es folgt als Kernstück der Arbeit die inhaltliche Strukturierung, zugespitzt auf sieben Thesen, in denen sich der theologische Gehalt der Freiheitsschrift verdichtet. Deutlich wird, dass Luther Freiheit wesentlich relational versteht. Von daher gewinnt der Verfasser Gesichtspunkte, um im gegenwärtigen Diskurs Anschlussmöglichkeiten zu suchen. Solche findet er vor allem in der Theorie der Resonanz von Hartmut Rosa.
Der erste Preis wurde Thomas Stil (24 J.) für seinen Essay ›Die Entsprechung von Gegenstand und Vollzug von Theologie bei Martin Luther‹ zuerkannt. Thomas Stil hat zunächst in Gießen Theologie studiert, an der dortigen Freien Theologischen Hochschule sowie auch an der Justus-Liebig-Universität. Nachdem seine Bachelor-Arbeit der Interpretation des 10. Buches der ›Confessiones‹ Augustins gewidmet war, hat er sich nun mit der vorliegenden Arbeit, die im Anschluss an eine von Frau Prof. Sybille Rolf gehaltenen Vorlesung entstanden ist, intensiv auf die Theologie Luthers eingelassen. Es geht ihm um eine Klärung des Theologiebegriffs Luthers, nicht zuletzt auch im Blick auf die Gestaltung des heutigen Theologiestudiums zwischen Wissenschaft und Praxis. Dazu zeichnet er zum einen Luthers Bestimmung des Gegenstandes der Theologie nach: »Der Mensch als der der Sünde Angeklagte, der Verlorene und Gott als der Rechtfertigende und Erlöser des Menschen«. Neben der so beantworteten Was-Frage steht zunächst unverbunden die Wie-Frage, die Luther bekanntlich mit den drei Regeln oratio, meditatio und tentatio (Gebet, Meditation und Anfechtung) beantwortet. Soweit bewegt sich der Verfasser auf bekanntem, vielfach bearbeiteten Boden. Eigenständig – und darin liegt die besondere Leistung seiner Arbeit – sucht er zu klären, ob und wie sich die beiden Fragen gegenseitig herausfordern und bestimmen. Die Brücke findet er in der Besinnung auf die Theologie des Kreuzes: diese qualifiziert sowohl die Beziehung von Gott und Mensch, in der Luther den Gegenstand der Theologie erkennt, als auch die Weise, Theologie zu studieren, indem Gebet, Meditation und Anfechtung auf das Kreuz hin ausgerichtet werden.
Der Empfänger des ersten Preises kann bei der heutigen Preisverleihung leider nicht anwesend sein. Wir gratulieren ihm herzlich aus der Ferne sowie nun auch persönlich den anwesenden Preisträgern, zu denen auch der Zweitplatzierte des letzten Jahres, Helge Preising, zählt. Herr Preising ist nach seinem Theologiestudium in Marburg, Leipzig, Jerusalem und Jena sowie nach seinem Vikariat in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers seit wenigen Wochen Pastor in Ostfriesland, in der Kirchengemeinde Walle bei Aurich. Seine Arbeit über den Briefwechsel zwischen Luther und Melanchthon während des Augsburger Reichstags von 1530 liegt inzwischen in überarbeiteter Form gedruckt vor  im Band 13 der Dokumentationen der Luther-Akademie Sondershausen-Ratzeburg e.V.: ›Melanchthon. Der Reformator zwischen Eigenständigkeit und Erkenntnisgemeinschaft.‹
Nachfolgend sind die Zusammenfassungen der anwesenden Preisträger abgedruckt. Die Arbeit von Herrn Preising ist bereits im Melanchthon-Band der Luther-Akademie, Dokumentation Bd. 13 Seite 93-163 abgedruckt .

Zusammenfassung der Ausarbeitung von Herrn Opitz

Zusammenfassung der Ausarbeitung von Herrn Preising

Zusammenfassung der Ausarbeitung von Herrn Rosin