Luther – die
Bibel – und die Ökumene
Herbsttagung der
Luther-Akademie Sondershausen-Ratzeburg
7-10.
Oktober 2009
Bericht von
Rudolf Keller
„Luther
als Schriftausleger. Luthers Schriftprinzip in seiner Bedeutung für die
Ökumene“ so lautete das Thema, zu dem sich Mitglieder und Freunde der
Luther-Akademie am Tagungsort Ratzeburg zusammengefunden hatten. Sechs
Fachvorträge haben das Thema aus sehr verschiedener Perspektive
ausgeleuchtet. Die Diskussionen im Plenum boten reichlich Gelegenheit, die
gehörten Referate zu würdigen, zu vertiefen und deren Ergebnisse auch
prüfend zu hinterfragen.
Der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Martin Ohst (Bergische Universität
Wuppertal) widmete sich der Verortung und dem Verstehen von „Luthers
Schriftprinzip“. Er untersuchte dazu Luthers Herausforderung im
Ablaßstreit und frühe Aussagen des Reformators, in denen er seinen
theologischen Grundsatz „sola scriptura – die Schrift allein“ entwickelt
hat. Der Reformator akzeptierte Ergebnisse in der Entfaltung von
theologischer Lehre nur, wenn sie aus der Bibel begründet worden waren.
Der Vortrag entfaltete diese bekannteste im Streit mit der römischen Kurie
entwickelte Seite von Luthers Wirken. Die reformatorische Stoßkraft wurde
neu aus den frühen Quellen (bis 1520) vor Augen geführt. So konnte eine
eindrucksvolle Gesprächsgrundlage entwickelt werden.
Der Systematiker Prof. Dr. Johannes von Lüpke (Kirchliche
Hochschule Wuppertal) erörterte das Thema „Erleuchtung durch das Wort
Gottes. Aufklärung durch die Vernunft. Zur Krise des protestantischen
Schriftprinzips“. Sprache und Wirklichkeit wurden hier ebenso überprüft
wie der Versuch einer Diagnose der „Krise des Schriftprinzips“ in der
Aufklärungsepoche, aus der dann die Lösungswege aufzuzeigen waren. Die
historische Bedeutung von Gotthold Ephraim Lessing und Johann Georg Hamann
kam in dieser systematisch ausgerichteten Vorlesung zur Sprache. Sachlich
wurde die Präsenz des Geistes im schwachen Wort der Schrift reflektiert.
Die biblische Hermeneutik braucht ein durchdachtes Verstehen der Wirkung
des Heiligen Geistes, wenn sie die zentrale Bedeutung der Bibel umsetzen
will.
Bischof i. R. Dr. Walter Klaiber (Tübingen,
evangelisch-methodistische Kirche) führte mit seinem Referat über die
Konfessions- und Landesgrenzen hinaus: „Luthers Schriftprinzip in seiner
Bedeutung für die anglikanische und methodistische Theologie und Kirche“.
Hier wurden ebenso wie bei von Lüpke historische und ökumenische Wirkungen
Luthers erkennbar, die allerdings oft in der deutschen Theologie wenig
bekannt sind oder vernachlässigt werden. Es kommt zu einer Radikalisierung
des „sola scriptura“ in Anknüpfung an und Weiterführung von
Zentralgedanken Luthers, die vor allem im englischen Sprachraum und mit
Wirkung auf den Methodismus zu beobachten ist.
Einen weiteren Blick auf den „Luther – von außen gesehen“ stellte Dr.
Johannes Schwanke (Universität Tübingen) ins Zentrum seines Vortrags
über die Luther-Kritik des englischen Theologen und nach seiner Konversion
zum Kurien-Kardinals aufgestiegenen John Henry Newman im 19. Jahrhundert.
Information und Herausforderung im Verbund wurden durch diesen Vortrag
anschaulich vor Augen geführt. Das Prinzip „sola scriptura“ ist deutlich
kritisiert und in Frage gestellt, ja aus Newmans Sicht für häretisch
gehalten worden.
Der katholische Dogmatiker Prof. Dr. Bernd Jochen Hilberath
(Universität Tübingen) sprach über „Luthers Schriftprinzip als bleibende
Herausforderung für die römisch-katholische Theologie und Kirche“. Er
zeigte interessante Aspekte zum Prozess der Schriftauslegung nach
katholischer Lehre und deren Bedeutung für Lehrentscheidungen der
gegenwärtigen römisch-katholischen Kirche.
Mit Prof. Dr. Theo Dieter (Zentrum für ökumenische Forschung des
Lutherischen Weltbundes in Straßburg) kam ein Spezialist für die Ökumene
zu Wort: „Luthers Schriftprinzip in seiner Bedeutung für die Ökumene“. Er
betonte die Notwendigkeit, im ökumenischen Gespräch sehr genau zu
verstehen, was der Gesprächspartner aus der anderen Konfession wirklich
meint. Dazu beschrieb er Stationen des Dialogs zwischen der
römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche und zielte
auf die Frage, wie gewonnene Einsichten dann konkret und lebenspraktisch
umgesetzt werden. Dabei zeigte sich, wie Luthers Verständnis in dieser
Herausforderung am besten zur Sprache zu bringen ist.
Alle Vorträge wurden ausgiebig und aufmerksam diskutiert. Die Anwesenheit
von ausgewiesenen Kennern des Umfelds unter den Teilnehmern sehr
verschiedenen Alters und der lebendige Austausch unter den Referenten
erwiesen sich in den Gesprächen als sehr anregend. Manche Präzisierungen
konnten so vorgenommen und Anregungen zur Weiterarbeit gegeben werden. Daß
der erste Referent krankheitshalber plötzlich sein Kommen hatte absagen
müssen und nur seinen Vortrag schriftlich zur Verlesung durch den
Präsidenten einbringen konnte, war bedauerlich, hat aber den Gesprächsgang
nicht gehindert. Nicht jede der vorgetragenen Thesen bekam Beifall, aber
alle Referate wurden dankbar als Anregung zu weiterer Arbeit, zu
methodischer Überprüfung und vertiefter Klärung aufgenommen. Die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten mit neuer Motivation wieder den
Heimweg an ihre ganz verschiedenen Arbeitsplätze antreten. Gemäß der
erklärten Zielsetzung der Akademie wird auf die internationale Begegnung
großer Wert gelegt. Sie erwies sich auch in diesem Jahr als anregend für
ein intensives Fachgespräch und guten persönlichen Gedankenaustausch.
Der Campus auf der Domhalbinsel in Ratzeburg bietet immer neu das
Ambiente, in dem sich theologische Arbeit und die gemeinsamen
Gottesdienste im ehrwürdigen Dom – liturgisches Morgen- und Abendgebet und
ein Abendmahlsgottesdienst, in dem der Präsident der Akademie, Bischof i.
R. Dr. Hans Christian Knuth (Eckernförde), die Predigt hielt – zu
einer eindrücklichen Einheit verbinden können. Dies wurde von den
Teilnehmern dankbar erlebt und ausgesprochen.
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